Warum dieser Wald Geschichte erzählt
Der Reichswald wirkt auf den ersten Blick wie ein stiller, grüner Rückzugsort. Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Dieser Wald hat viele Schichten. Unter den Buchen, Wegen und Hügeln liegen Spuren aus ganz unterschiedlichen Zeiten.
Hier geht es um den alten Ketelwald, um römische Wege, mittelalterliche Machtfragen, Rodungen, Jagdrechte, Krieg, Wiederaufbau und Naturschutz. Die Geschichte des Reichswaldes ist keine gerade Linie. Sie ist eher ein Waldweg mit Abzweigungen. Manche führen weit zurück, andere reichen bis in unsere Gegenwart.
Kurz gesagt
- Früher Teil des größeren Ketelwaldes
- Historischer Waldraum zwischen Xanten, Kleve und Nijmegen
- Im Mittelalter Reichsgut und umstrittener Besitzraum
- 1945 Schauplatz schwerer Kämpfe
- Heute Naturraum, Erholungsgebiet und geschützte Kulturlandschaft
Der Reichswald heute
Heute umfasst der Klever Reichswald rund 5.100 Hektar und gilt als größtes zusammenhängendes Waldgebiet am Niederrhein. Er liegt zwischen Kleve, Kranenburg, Goch und Bedburg-Hau und prägt die Landschaft im deutsch-niederländischen Grenzraum.
Der Wald ist kein reiner Naturraum, sondern eine gewachsene Kulturlandschaft. Wege, Forstabteilungen, alte Nutzungsformen, Kriegsspuren und Schutzgebiete zeigen, wie stark Menschen diesen Wald über Jahrhunderte verändert haben. Gleichzeitig ist der Reichswald heute ein wichtiger Lebensraum. Große Teile sind von Laubwald geprägt, besonders von Rotbuchenbeständen. In Bereichen wie dem Naturschutzgebiet Geldenberg finden sich alte Laubholzbestände von besonderer Bedeutung.

ZEITREISE DURCH DEN REICHSWALD
Vom Ketelwald zum Reichswald
Die Geschichte des Reichswaldes beginnt nicht mit seinem heutigen Namen. Über viele Jahrhunderte war dieser Wald Teil eines viel größeren Waldraums: des Ketelwaldes. Erst später wurde daraus der Reichswald, ein Ort von Besitzansprüchen, Nutzung, Rodung und Erinnerung.
Die folgende Timeline führt dich durch die wichtigsten Stationen. Nicht jedes Detail passt in eine einzige Zeitleiste, aber sie zeigt den roten Faden: Aus einem großen Waldraum wurde Schritt für Schritt die Landschaft, die du heute erleben kannst.
Späte Bronzezeit / frühe Eisenzeit
Schon vor über zweieinhalb Jahrtausenden hinterließen Menschen hier ihre Spuren. Grabhügel aus der späten Bronze‑ und frühen Eisenzeit belegen, dass die Landschaft früh genutzt und verehrt wurde [4]
Römische Zeit
Auch zur Römerzeit war der Raum des heutigen Reichswaldes nicht einfach nur abgelegener Wald. Durch das Gebiet verlief eine wichtige römische Verbindung zwischen Xanten und Nijmegen. Diese Straße gehörte zum Umfeld des Niedergermanischen Limes, der heute als UNESCO-Welterbe geschützt ist.
Damit ist der Reichswaldraum auch Teil der römischen Verkehrsgeschichte am Niederrhein. Wo heute Waldwege, Buchen und stille Pfade liegen, bewegten sich vor rund 2.000 Jahren Menschen, Waren und militärische Strukturen durch die Landschaft. Der Reichswald war also schon früh ein Durchgangsraum zwischen wichtigen Orten am Rhein und an der Maas. [3][4]
Erste Rodung
Die erste nachweisbare Rodung datiert auf das Jahr 863: Die sogenannte Odeheimero Gemarkung bei Uedem wurde kultiviert. Dieses Ereignis markiert den Beginn der kontinuierlichen Verkleinerung des großen Ketelwaldes, aus dem später der Reichswald hervorging. [1][2]
Geburt von Otto III.
Der spätere Kaiser Otto III. soll laut Überlieferung im Reichswald nahe Kessel geboren worden sein. Damit wird der Wald zu einem Schauplatz europäischer Geschichte: Während die Mutter Theophanu zur Kaiserpfalz Nijmegen reiste, erblickte hier ein künftiger Herrscher das Licht der Welt. [4][5]
Pfand, Streit und Verzicht
Im Mittelalter war der Wald begehrter Besitz. 1138 erhielten die Grafen von Geldern erste Waldteile als Pfand. 1257 und 1266 schlichtete Bischof Heinrich von Vianden Streitigkeiten zwischen Geldern und Kleve. 1283 verzichtete Graf Rainald I. von Geldern auf seine Ansprüche. Diese wechselvolle Besitzgeschichte verdeutlicht, wie wertvoll der Wald als Jagd‑, Mast‑ und Holznutzungsgebiet war. [4]
Der Name „Reichswald“ entsteht
In einer Urkunde von 1330 wird der Wald erstmals als silva imperialis – „kaiserlicher Wald“ – bezeichnet. Graf Rainald II. von Geldern kaufte 1331 die verpfändeten Teile (Ober‑ und Niederwald sowie den Kelkt) zurück. 1349 bestätigte Kaiser Karl IV. letztmals das Reichslehen an Johan van Groesbeek. Damit verfestigte sich der Name Reichswald und die Verbindung zum Reich. [4]
Verpfändungen an Kleve
Herzog Reinald von Jülich-Geldern verpfändete 1418 große Teile des Reichswaldes an das Herzogtum Kleve; weitere Nachzahlungen folgten 1429 und 1440. Diese Finanztransaktionen zeigen, wie stark Politik und Geldbedarf den Wald als Sicherungsmasse nutzten. [4]
Wald gegen Kriegsschulden
Nach den Belastungen des Nach den Belastungen des Dreißigjährigen Krieges durfte Goch einen größeren Teil des Reichswaldes verkaufen. Die Angabe „1.000 Morgen“ meint eine historische Flächeneinheit und steht für eine erhebliche Waldfläche. Der Eintrag zeigt, wie stark der Wald damals auch als wirtschaftlicher Besitz betrachtet wurde. [4]
Preußische Jagen-Einteilung
Nach dem Übergang an Preußen vermassen Forstbeamte den Wald 1826 neu. Sie teilten das Gebiet in 117 quadratische Abteilungen (Jagen) ein, getrennt durch Gestelle A–K im Abstand von 200 Ruthen (742 m). Diese Rasterstruktur prägt viele Forstwege bis heute. [6]
Der Wald bekommt ein feineres Raster
Die 117 großen Jagen von 1826 waren für die Forstverwaltung zu grob. Deshalb wurden sie 1856 weiter unterteilt. So entstand ein feineres System mit 231 rechteckigen Jagen. Der Reichswald wurde dadurch nicht kleiner, sondern genauer gegliedert. Einige Grenzsteine aus dieser Zeit sind bis heute im Gelände zu finden. [7]
Die Waldbahn durch den Reichswald
Vom Bahnhof Pfalzdorf führte eine schmalspurige Waldbahn durch den Reichswald, vorbei an Nergena, Asperden und Kessel bis in Richtung Genneper Weg. Sie diente vor allem dem Abtransport von Holz, bekam gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aber auch militärische Bedeutung. 1945 wurde die Bahn wegen Kriegsschäden und des hohen Wiederaufbauaufwands stillgelegt. Heute sind im Reichswald noch große Abschnitte der ehemaligen Bahntrasse erkennbar. [8]
Schlacht im Reichswald (Operation Veritable)
Im Februar 1945 wurde der Reichswald zum Kriegsschauplatz. Mit der Operation Veritable begann am 8. Februar eine große alliierte Offensive. Britische und kanadische Truppen rückten aus dem Raum Nijmegen in Richtung Kleve, Goch und Rhein vor. Der Reichswald machte den Vormarsch besonders schwierig: dichter Wald, aufgeweichte Böden, Minen, zerstörte Wege und heftiger Widerstand verwandelten das Gelände in einen schweren Kampfraum.
Die Kämpfe hinterließen tiefe Spuren in der Landschaft und in der Erinnerung der Region. Bis heute ist der Reichswald Forest War Cemetery ein stiller Hinweis darauf, dass dieser Wald nicht nur Erholungsraum ist, sondern auch ein Ort des Gedenkens. [9]
Rodungen und neue Dörfer
Am 17. September 1948 begannen die großflächigen Rodungen im Abschnitt A bei Nierswalde. 1949 wurden Gras und Wintergetreide ausgesät; 1950 fuhr man die erste Ernte ein. Gleichzeitig entstanden die Siedlungen Reichswalde und Nierswalde (bis 1951), während rund 900 ha wieder aufgeforstet wurden. [10]
Aus neuen Siedlungen werden Ortsteile
Bis 1969 waren Reichswalde und Nierswalde noch eigenständige Gemeinden. Dann wurden sie im Zuge der kommunalen Neuordnung eingemeindet: Reichswalde kam zur Stadt Kleve, Nierswalde zur Stadt Goch.
Damit endete ein wichtiger Abschnitt der Reichswaldsiedlungen. Was nach dem Zweiten Weltkrieg als Rodungs- und Siedlungsprojekt im ehemaligen Wald begonnen hatte, wurde nun dauerhaft in die kommunale Struktur der Region eingebunden. Aus neuen Siedlerstellen, Ortskernen und Höfen wurden feste Ortsteile mit eigener Identität.
Für die Geschichte des Reichswaldes ist dieser Schritt wichtig, weil er zeigt, wie stark sich der Wald nach 1945 verändert hat. Teile des ehemaligen Waldgebiets wurden nicht nur gerodet, sondern dauerhaft zu Wohn- und Lebensraum. Reichswalde und Nierswalde erinnern deshalb bis heute daran, dass der Reichswald nicht nur Naturraum war, sondern auch Ort eines Neuanfangs für viele Menschen. [10]
Naturwaldzellen im Reichswald
1971 wurden im Reichswald die Naturwaldzellen „Geldenberg“ und „Rehsol“ eingerichtet. Damit entstanden zwei besonders geschützte Bereiche, in denen sich der Wald ohne normale forstliche Nutzung entwickeln kann. Solche Naturwaldzellen sind wichtig, weil dort beobachtet werden kann, wie sich ein Wald verändert, wenn alte Bäume stehen bleiben, Totholz im Bestand bleibt und natürliche Prozesse mehr Raum bekommen.
Gerade im Bereich Geldenberg ist das besonders spannend. Hier finden sich alte Laubholzbestände, die für den Reichswald ökologisch sehr wertvoll sind. Die Naturwaldzellen zeigen, dass der Wald nicht nur bewirtschaftet, sondern auch als Lebensraum geschützt und wissenschaftlich beobachtet wird. Für Besucher wirken solche Bereiche oft unspektakulär, aber genau dort passiert leise Waldgeschichte: Der Wald darf älter, wilder und natürlicher werden. [11]
Naturraum, Erinnerungsort und Erholungswald
Heute umfasst der Klever Reichswald rund 5.100 Hektar und gilt als größtes zusammenhängendes Waldgebiet am Niederrhein. Er liegt zwischen Kleve, Kranenburg, Goch und Bedburg-Hau und prägt den deutsch-niederländischen Grenzraum. Große Teile des Waldes sind von Laubmischwald geprägt, besonders von Rotbuchen. Dazu kommen Eichenbestände und in manchen Bereichen auch Nadelholz.
Der Reichswald ist heute vieles zugleich: Lebensraum für Tiere und Pflanzen, Erholungsraum für Wanderer, Reiter und Naturfreunde, aber auch Erinnerungslandschaft. Alte Wege, Grenzsteine, Forstabteilungen, Kriegsspuren und Orte wie der Reichswald Forest War Cemetery zeigen, wie viele Schichten dieser Wald hat.
Besonders der Geldenberg steht für den heutigen ökologischen Wert des Reichswaldes. Das Gebiet gehört zu den wertvollsten alten Laubwaldbereichen im Wald und ist Teil des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000. So ist der Reichswald heute kein „Museum aus Bäumen“, sondern eine lebendige Kulturlandschaft: genutzt, geschützt, besucht und voller Spuren aus vielen Jahrhunderten. [1], [4], [11]
Quellen und Nachweise zur Timeline
Die Timeline basiert auf öffentlich zugänglichen Fach- und Informationsquellen. Besonders bei Jahreszahlen, historischen Ereignissen, Ortsnamen und Angaben zu Waldentwicklung, Kriegsgeschehen und Naturschutz wurden die Informationen mit mehreren Quellen abgeglichen. Die Quellen dienen als Nachweis für die wichtigsten Stationen der Geschichte des Klever Reichswaldes.
[1] KuLaDig: Reichswald
Verwendet für die allgemeine historische Entwicklung des Reichswaldes, den Bezug zum früheren Ketelwald, die Rodung und Kultivierung der Odeheimero Gemarkung bei Uedem im Jahr 863, die Verkleinerung des Waldgebietes sowie die Einordnung einzelner kulturhistorischer Objekte im Reichswald.
[2] KuLaDig: Ketelwald am unteren Niederrhein
Verwendet für die frühmittelalterliche Ausdehnung des Ketelwaldes, den Kulturlandschaftswandel am unteren Niederrhein und die langfristige Entwicklung vom großen Waldraum zum heutigen Reichswald.
[3] Römer in Nordrhein-Westfalen: Kleve-Reichswald
Verwendet für den römischen Bezug des Reichswaldraums, insbesondere für die Einordnung der römischen Straßenverbindung und den Zusammenhang mit dem Niedergermanischen Limes.
[4] Wikipedia: Klever Reichswald
Verwendet als Überblicksquelle und zur zusätzlichen Einordnung von frühen Siedlungsspuren, dem Namen Ketelwald/Reichswald, mittelalterlichen Besitzverhältnissen, dem Dreißigjährigen Krieg, der heutigen Waldfläche, der Waldstruktur und den Schutzgebieten. Wikipedia wurde hierbei nicht als alleinige Hauptquelle, sondern ergänzend genutzt.
[5] Wikipedia: Otto III. (HRR)
Verwendet ergänzend für die historische Einordnung des späteren Kaisers Otto III. und seiner Geburt im Raum des damaligen Ketil- beziehungsweise Reichswaldes.
[6] KuLaDig: Einteilung des Reichswaldes in 117 quadratische Abteilungen (Jagen)
Verwendet für die preußische Neuvermessung des Reichswaldes im Jahr 1826 und die Einteilung in 117 quadratische Jagen.
[7] KuLaDig: Einteilung des Reichswaldes in 231 rechteckige Abteilungen (Jagen)
Verwendet für die weitere Unterteilung der Jagen im Jahr 1856, die feinere forstliche Gliederung und die bis heute erhaltenen Grenzsteine.
[8] KuLaDig: Waldbahn Pfalzdorf (1925 bis 1945) und Waldbahn Pfalzdorf (1917 bis 1925)
Verwendet für die Geschichte der schmalspurigen Waldbahn durch den Reichswald, ihre Nutzung für Holztransport und militärische Zwecke sowie die Stilllegung im Jahr 1945.
[9] National WWII Museum: Operations Veritable and Grenade: The Allies Close on the Rhine
Verwendet für die Einordnung der Operation Veritable im Februar und März 1945, den Beginn der Offensive am 8. Februar 1945, die schwierigen Bedingungen im Gelände und den weiteren Verlauf bis zum Rhein.
[10] KuLaDig: Reichswaldsiedlungen Reichswalde, Nierswalde, Vorschlag (ehemals Rodenwalde)
Verwendet für die Nachkriegsrodungen ab 1948, die Entstehung der Reichswaldsiedlungen, die ersten Aussaaten und Ernten, die Siedlerstellen sowie die Eingemeindung von Reichswalde nach Kleve und Nierswalde nach Goch im Jahr 1969.
[11] KuLaDig: Naturwaldzellen „Geldenberg“ und „Rehsol“
Verwendet für die Einrichtung der Naturwaldzellen im Jahr 1971 und die Einordnung dieser Bereiche als besonders geschützte Waldflächen im Reichswald.